Wenn antike Texte auf Orte hindeuten, die verschwinden
Am 27. Dezember 2025 erinnerte eine Übersicht über herausragende archäologische Rätsel die Fachwelt – und die Öffentlichkeit – daran, dass einige der wichtigsten Städte der Bronzezeit und der frühen Eisenzeit noch immer auf der Landkarte fehlen. Gelehrte können diese Orte anhand von königlichen Inschriften, Verwaltungstafeln und klassischen Autoren benennen, doch Feldforschung und kontrollierte Ausgrabungen haben ihre Standorte bisher nicht bestätigt. Das Ergebnis ist eine Liste von sechs Städten, deren Fehlen entscheidend dafür ist, wie wir frühe Imperien, Migration und Staatskunst in Ägypten und Mesopotamien verstehen.
Verlorene Hauptstädte des Nahen Ostens
Die sechs Standorte, die in jüngsten Berichten am häufigsten hervorgehoben werden, sind Irisagrig, Itjtawy, Akkad, Al‑Yahudu, Waššukanni und Thinis. Jede dieser Städte fehlt aus unterschiedlichen archäologischen und modernen Gründen: Einige sind nur bekannt, weil Tafeln und Inschriften sie erwähnen, andere waren einst zentrale Regierungssitze, liegen heute jedoch unter sich verlagernden Flüssen, modernen Städten oder gepflügten Feldern. Das Patchwork an Beweisen – geplünderte Keilschrifttafeln, Stelen, Chronikeinträge und von antiken Historikern aufgezeichnete Ortsnamen – gibt Archäologen für viele dieser Stätten eine ungefähre Region vor, aber nicht den Tell, der es ihnen ermöglichen würde, Hypothesen durch stratigraphische Ausgrabungen zu prüfen.
Irisagrig und geplünderte Archive
Irisagrig ist ein besonders konkretes Beispiel dafür, wie moderne Plünderungen archäologisches Wissen einfrieren können. Tausende von Keilschrifttafeln, die seit den frühen 2000er Jahren auf dem Antiquitätenmarkt kursieren, enthalten Verwaltungsunterlagen, Festlisten und Verweise auf lokale Institutionen wie einen Tempel des Enki. Der Inhalt macht deutlich, dass Irisagrig vor etwa 4.000 Jahren irgendwo im heutigen Irak florierte – doch da die meisten Tafeln von Plünderern entfernt wurden, anstatt im Kontext kontrollierter Ausgrabungen veröffentlicht zu werden, bleibt ihr Fundort geheim. Archivprojekte und Rückführungsbemühungen haben einige Tafeln an den Irak zurückgegeben, und Spezialisten haben Teile des Korpus katalogisiert und veröffentlicht, aber das Kernproblem bleibt: Nur die Plünderer kennen den exakten Siedlungshügel. Der Hobby-Lobby-Fall und andere prominente Beschlagnahmungen verdeutlichten sowohl den wissenschaftlichen Wert dieser Tafeln als auch die ethischen Komplikationen bei der Untersuchung von Material, dessen Bergung illegal war.
Ägyptens unsichtbare Hauptstädte
Al‑Yahudu: Exilgemeinden ohne Tell
Al‑Yahudu ist aus etwa zweihundert babylonischen Tafeln bekannt, die das Leben jüdischer Exilanten dokumentieren, die nach dem Fall Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. in Babylonien angesiedelt wurden. Die Tafeln nennen Namen, wirtschaftliche Transaktionen und Ortsnamen, die die Gemeinschaft in der Tigris‑Euphrat‑Delta‑Region lokalisieren, wahrscheinlich im Einflussbereich von Nippur oder Borsippa, doch den Archäologen fehlt ein sicher identifizierter Siedlungshügel. Wie bei Irisagrig erschwert der Weg, auf dem diese Texte in moderne Sammlungen gelangten – und der Mangel an veröffentlichten Fundortdaten – die Identifizierung im Gelände.
Warum manche Städte verborgen bleiben
Vier häufige Hindernisse treten in diesen Fällen immer wieder auf. Erstens: Plünderungen und die Zerstreuung von Artefakten auf dem Schwarzmarkt vernichten entscheidende Kontextinformationen; Tafeln ohne dokumentierten Fundort lassen sich nur schwer in eine kartierte Stadt umwandeln. Zweitens: Natürliche Prozesse – Flussverlagerungen, Sedimentation und Wüstenbildung – können archäologische Zeugnisse begraben oder verschieben. Drittens: Moderne Bebauung, intensive Landwirtschaft oder die Präsenz heutiger Städte liegen über antiken Hügeln und schränken Ausgrabungen ein. Und viertens: Politische Gewalt und Unsicherheit – insbesondere im Irak und in Syrien seit 2003 sowie der syrische Bürgerkrieg – haben den Zugang zur Feldforschung eingeschränkt, Plünderungen beschleunigt und Archive beschädigt, die Forscher für ihre Suche benötigen würden. Die UNESCO und Feldarchäologen schlagen weiterhin Alarm wegen der kombinierten Auswirkungen dieser Belastungen auf das Kulturerbe.
Neue Werkzeuge, neue Hoffnung
Archäologen sind nicht ohne Mittel. Fernerkundung – von freigegebenen CORONA-Luftaufnahmen aus dem Kalten Krieg über hochauflösende kommerzielle Satelliten bis hin zu luft- und drohnengestütztem LiDAR – hat wiederholt vergrabene Stadtpläne oder Landschaftsmerkmale enthüllt, die am Boden unsichtbar sind. Die LiDAR-Revolution in bewaldeten Regionen legte beispielsweise Zehntausende bisher nicht erfasster Maya-Strukturen in Guatemala offen und hat die Erwartungen an die Entdeckung großer, tiefgelegener oder stark überwachsener urbaner Zentren neu definiert. Ähnliche Ansätze, kombiniert mit GIS-Modellierung antiker Flussläufe und gezielter Bodenüberprüfung (Ground-Truthing), können die Gebietskandidaten für Stätten wie Akkad oder Itjtawy eingrenzen. Der Erfolg dieser Methoden hängt von offenen Daten, sicherem Zugang für Vermessungsteams und der Zusammenarbeit mit lokalen Behörden ab.
Was es bedeuten würde, sie zu finden – oder nicht
Die Lokalisierung dieser sechs Städte ist kein antiquarisches Hobby; jede Stadt ist mit bedeutenden Fragen verknüpft. Ein bestätigtes Akkad oder Waššukanni würde Licht auf die territoriale Reichweite, die Verwaltungssysteme und die zwischenstaatliche Diplomatie der bronzezeitlichen Staaten werfen. Das Finden von Itjtawy oder Thinis würde klären, wie frühe ägyptische Gemeinwesen ihre Hauptstädte reorganisierten und wie die Macht zwischen Ober- und Unterägypten wechselte. Irisagrig und Al-Yahudu könnten, wenn sie ordnungsgemäß ausgegraben würden, unser Bild der Provinzökonomie, der religiösen Praxis und der Minderheitengemeinschaften in Mesopotamien verändern. Selbst ohne Ausgrabungen verändern die erhaltenen Tafeln und Inschriften bereits die Narrative – aber eine kontrollierte archäologische Bergung würde es den Gelehrten ermöglichen, Chronologien, Handwerksproduktion, Ernährung und Stadtform anhand materieller Beweise statt nur anhand von Texten zu prüfen.
Wie die Suche weitergeht
Es ist mit einer zweigleisigen Strategie zu rechnen. Fernerkundung und Landschaftsmodellierung werden weiterhin große Suchgebiete auf kleinere, testbare Ziele reduzieren; dort, wo es die Sicherheitslage erlaubt, werden kurze, eng fokussierte Ausgrabungen oder Bohrprogramme diese Ziele bewerten. Internationale Zusammenarbeit, transparente Veröffentlichung der Herkunft geplünderter Sammlungen und größere Investitionen in regionale Kapazitäten zum Schutz des Kulturerbes sind ebenfalls unerlässlich: Ohne sie kann selbst das vielversprechendste Satellitenbild ins Leere führen. Die Geschichte dieser verlorenen Städte handelt daher nicht nur von Steinen und Tafeln, sondern auch davon, wer das Wissen kontrolliert, wer es schützt und wie die Wissenschaft unter schwierigen politischen Bedingungen voranschreitet.
Quellen
- Journal of Abydos (Artikel über Thinis und die Region Abydos)
- Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI) — Korpora mesopotamischer Tafeln
- British Museum (Sammlungen und Repatriierungsunterlagen)
- Al‑Rāfidān: Journal of Western Asiatic Studies (Forschung zu Akkad und mesopotamischer Geographie)
- UNESCO (Berichte über den Schutz des Kulturerbes und Plünderungen in Syrien und im Irak)
- Nature (Peer-Review-Studien, die den Einfluss von LiDAR auf die Landschaftsarchäologie belegen)
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