Keine einfache Erklärung: Das 70-jährige Rätsel des Palomar-Observatoriums

Weltraum
No Easy Explanation: Palomar's 70‑Year Mystery

Die erneute Untersuchung von Fotoplatten des Palomar-Observatoriums aus den 1950er Jahren hat die Debatte über kurzlebige, sternähnliche Blitze, die innerhalb einer Stunde verschwanden, neu entfacht. Neue wissenschaftliche Arbeiten finden statistische Zusammenhänge mit Atomtests aus der Ära des Kalten Krieges und historischen UFO-Berichten, doch unabhängige forensische Studien warnen, dass viele Entdeckungen lediglich Plattenartefakte sein könnten.

Seit mehr als sieben Jahrzehnten spuken ein paar schwache, sternähnliche Punkte an den Rändern astronomischer Archive herum. Sie tauchen auf Fotoplatten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts vom Palomar Observatory auf, erscheinen in einer einzigen Langzeitbelichtung und sind innerhalb einer Stunde wieder verschwunden – lange vor dem Start des ersten künstlichen Satelliten. In diesem Herbst untersuchten zwei begleitende, durch Fachkollegen geprüfte Studien diese archivierten Himmelsdurchmusterungen erneut und rückten das Rätsel wieder ins Rampenlicht: Die Transienten sind echte Detektionen in gescannten Plattendaten, und eine Analyse berichtet von statistischen Zusammenhängen mit historischen Kerndetonationen und Spitzenwerten in zeitgenössischen Berichten über unidentifizierte anomale Phänomene.

Warum viele Astronomen vorsichtig sind

Trotz der Faszination mahnen etliche Astronomen und Instrumentenspezialisten zur Vorsicht. Fotografische Glasplatten und ihre späteren Kopiersätze sind empfindlich; das Kopieren, die Lagerung und die Digitalisierung können Makel verursachen, die Sternenbilder imitieren. Eine gründliche, unabhängige forensische Studie, die 2024 veröffentlicht wurde, untersuchte Kopierplatten und öffentlich zugängliche Scans mit objektiven, auf maschinellem Lernen basierenden Klassifikatoren und kam zu dem Schluss, dass ein Großteil der scheinbaren Transienten wahrscheinlich fehlerhafte Artefakte der Emulsion oder des historischen Kopierprozesses sind.

Mehrere erfahrene Astronomen, die nicht an den beiden aktuellen Veröffentlichungen beteiligt waren, haben auf zwei praktische Einschränkungen hingewiesen. Erstens spielt das ursprüngliche Plattenmaterial und die Art seiner Reproduktion eine Rolle: Viele digitale Scans wurden von Glaskopien und nicht von den empfindlichen Originalen angefertigt, und Kopier- oder Kontaktkopierschritte in den 1950er Jahren könnten kleine Löcher, Staubmuster oder Kratzer hinterlassen haben, die wie punktförmige Defekte wirken. Zweitens erschweren beobachtungsbedingte Einschränkungen – Belichtungszeiten der Platten, Nachführung und Seeing zu jener Zeit sowie die begrenzten ergänzenden Metadaten – eine eindeutige Interpretation dieser Detektionen Jahrzehnte später.

Was die konkurrierenden Erklärungen bedeuten würden

  • Plattenartefakte: Falls Kopierfehler oder Emulsionsmängel die falsch-positiven Ergebnisse verursacht haben, ist die Geschichte ein mahnendes Beispiel für den Umgang mit Archivdaten und die Notwendigkeit einer forensischen Untersuchung der Originale, bevor physikalische Schlussfolgerungen gezogen werden.
  • Unbekannte atmosphärische oder geophysikalische Effekte: Kerndetonationen wirbeln Staub, Trümmer und ionisierende Produkte hoch in die Atmosphäre auf. Einige Kommentatoren haben vorgeschlagen, dass Fallout, leuchtendes ionisiertes Material oder kurzlebige atmosphärische Chemie vorübergehende Leuchterscheinungen für Fotoplatten mit langer Belichtungszeit sichtbar machen könnten. Befürworter der Artefakt-Hypothese argumentieren jedoch, dass solche Phänomene normalerweise diffus oder streifenförmig aussehen würden und nicht wie scharfe, stellare Punktspreizfunktionen.
  • Reflektierende Blitze oder künstliche Objekte: Eine andere Hypothese besagt, dass hochreflektierende Oberflächen im Orbit spiegelnde Reflexionen erzeugten, die für die Dauer der Belichtung Sterne imitierten. Damit dies auf halbstündigen Platten unbewegliche, punktförmige Bilder erzeugt, müssten sich die Objekte entweder in ungewöhnlich großer Entfernung befunden oder sehr spezielle Flugbahnen gehabt haben. Das wirft technische und herkunftsspezifische Fragen auf, falls solche Objekte bereits vor Sputnik im Orbit gewesen sein sollten.
  • Gravitationslinseneffekt oder Hintergrundblitze: Einige Forscher haben exotischere astrophysikalische Szenarien in Betracht gezogen, wie etwa kurze Blitze bei weit entfernten Objekten in Kombination mit spezifischen Linsenkonfigurationen, die mehrere, eng beieinander liegende Bilder erzeugen könnten. Diese Modelle erfordern typischerweise eine Population massiver Linsenstrukturen und gelten als spekulativ.

Wie die Forschung voranschreitet

Wissenschaftler, die die Debatte untersucht haben, sind sich über einen praktischen Weg einig: direkte, unabhängige Forensik. Das bedeutet, die originalen POSS-I-Negative und die Kontaktabzüge der ersten Generation unter Vergrößerung zu lokalisieren und zu inspizieren, sie mit der höchstmöglichen Auflösung neu zu scannen und Platten sowie Kopien Feld für Feld zu vergleichen. Eine mikroskopische Untersuchung kann klären, ob ein Kandidat für einen Transienten tatsächlich auf der ursprünglichen Emulsion aufgezeichnet wurde oder erst beim späteren Kopieren oder Scannen entstanden ist. Ergänzende Arbeiten umfassen die Überprüfung derselben Himmelsfelder auf Platten anderer Observatorien, die erneute Verarbeitung der digitalisierten Scans mit unterschiedlichen Algorithmen und die Anwendung statistischer Blindtests, die Plattendefekte und Katalogisierungsfehler berücksichtigen.

Ebenso wichtig sind die kontextuellen Belege. Die statistische Assoziation mit oberirdischen Atomtests und mit historischen UAP-Berichten ist faszinierend, hängt jedoch von der Qualität und Unabhängigkeit der verglichenen Aufzeichnungen ab. Historische Augenzeugenberichte sind anekdotisch und aus vielen sozialen und kulturellen Gründen zeitlich und örtlich gehäuft; sie sind schwache Anker für Kausalitätsansprüche, sofern sie nicht mit unabhängigen physischen Spuren verknüpft sind.

Warum dies über UFO-Schlagzeilen hinaus von Bedeutung ist

Auf dem Spiel steht eine Lektion der modernen Wissenschaft: Archivdaten können echte Überraschungen enthalten, aber ältere Datensätze bringen ihre eigenen instrumentenspezifischen Pathologien mit sich, die entwirrt werden müssen. Sollte eine Untergruppe dieser Transienten eine strenge forensische Untersuchung als echte Blitze oberhalb der Atmosphäre überstehen, würden sie ein neues empirisches Problem eröffnen, das nach einer physikalischen Erklärung verlangt. Sollten sie Artefakte sein, ist die Episode eine Erinnerung daran, kühne Interpretationen auf mikroskopische Beweise und mehrere, unabhängige Verifizierungslinien zu stützen.

Vorerst bleiben die Palomar-Transienten eine offene Frage – eine Mischung aus sorgfältiger Detektivarbeit, Archivforensik und statistischer Analyse, die eine Zusammenarbeit zwischen Plattenkuratoren, Instrumentenspezialisten und Beobachtern erfordern wird. Die Debatte hat sich von Randspekulationen hin zu etablierten Methoden bewegt: veröffentlichen, testen und reproduzieren. So wird ein anscheinend 70 Jahre altes Rätsel gelöst werden – nicht durch das Beharren auf einer einzigen Erzählung, sondern durch diese geduldige, manchmal langsame Arbeit der Wissenschaft.

Der Vorhang über dem Himmel der Jahrhundertmitte ist noch immer geöffnet. Der nächste Akt wird davon abhängen, ob die Originale bei der Untersuchung mit modernen Werkzeugen Makel oder echte Blitze offenbaren und ob unabhängige Observatorien die gleiche Signatur in ihren Archiven finden. Bis dahin gibt es wirklich keine einfache Erklärung.

James Lawson

James Lawson

Investigative science and tech reporter focusing on AI, space industry and quantum breakthroughs

University College London (UCL) • United Kingdom

Readers

Leserfragen beantwortet

Q Was sind die Palomar-Transienten?
A Palomar-Transienten sind eine Handvoll schwacher, sternähnlicher Punkte, die auf Fotoplatten des Palomar-Observatoriums aus der Mitte des 20. Jahrhunderts gefunden wurden. Sie erscheinen in einer einzigen Langzeitbelichtung und verschwinden innerhalb etwa einer Stunde, lange vor dem Zeitalter künstlicher Satelliten. Ihre Ursache hat eine erneute Debatte ausgelöst, wobei einige Analysen echte Detektionen behaupten und andere davor warnen, dass es sich um Plattenartefakte handeln könnte.
Q Zu welchem Schluss kamen die begleitenden Studien über die Transienten?
A Zwei begleitende, von Experten begutachtete Studien untersuchten die Palomar-Archivplatten erneut und kamen zu dem Schluss, dass die schwachen, sternähnlichen Merkmale echte Detektionen in den gescannten Daten sind. Eine Analyse berichtet zusätzlich über statistische Zusammenhänge mit oberirdischen Kernwaffentests und Spitzenwerten bei zeitgleichen Berichten über unidentifizierte anomale Phänomene, weist jedoch darauf hin, dass Korrelation keine Kausalität impliziert.
Q Was sagt die unabhängige forensische Untersuchung über Artefakte?
A Eine gründliche, unabhängige forensische Studie, die 2024 veröffentlicht wurde, untersuchte Kopierplatten und öffentlich zugängliche Scans mithilfe objektiver, auf maschinellem Lernen basierender Klassifikatoren und kam zu dem Schluss, dass ein großer Teil der scheinbaren Transienten wahrscheinlich fehlerhafte Artefakte der Emulsion oder des Kopierprozesses sind. Sie stellt außerdem fest, dass Kopierschritte in den 1950er Jahren Löcher, Staubmuster oder Kratzer einprägen konnten, die Punktquellen ähneln.
Q Welchen Weg schlagen Wissenschaftler vor, um das Problem zu lösen?
A Das Fachgebiet einigt sich auf eine direkte, unabhängige Forensik: Auffinden und Inspizieren der originalen POSS-I-Negative und Abzüge der ersten Generation, erneutes Scannen mit hoher Auflösung sowie der Vergleich von Platten und Kopien Feld für Feld, um echte Aufzeichnungen von Artefakten zu unterscheiden. Weitere Arbeiten umfassen die Überprüfung derselben Felder an anderen Observatorien, die Neuverarbeitung von Scans mit alternativen Algorithmen und die Anwendung von Blindstatistiken zur Verringerung von Verzerrungen; das Ergebnis bleibt ungewiss.

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