Entsiegelte Gerichtsunterlagen: Meta legte Studie über Schädigungen ad acta
Was Project Mercury Berichten zufolge untersuchte
Der in den Gerichtsunterlagen beschriebene Teil des Falls behauptet, dass Meta mit einem externen Umfrageinstitut zusammengearbeitet hat, um die kurzfristigen Auswirkungen einer erzwungenen Pause von der Plattform zu messen. Teilnehmer, die die Nutzung von Facebook – und in einigen Beschreibungen Facebook und Instagram – vorübergehend einstellten, wurden anschließend zu ihrer Stimmung und zu sozialen Vergleichen befragt. Die Kläger geben an, die Ergebnisse seien so eindeutig gewesen, dass interne Forscher von einem kausalen Effekt auf den sozialen Vergleich sprachen, das Unternehmen die Arbeit jedoch einstellte, anstatt sie zu veröffentlichen oder auszuweiten.
Vorwürfe über die einzelne Studie hinaus
Metas Reaktion und die offizielle Linie des Unternehmens
Meta hat der Darstellung in den Unterlagen widersprochen. Ein Sprecher erklärte, die Project Mercury-Studie sei aufgrund methodischer Probleme gestoppt worden, und betonte erneut, dass das Unternehmen seit Jahren an Funktionen zur Sicherheit von Jugendlichen arbeite. Das Unternehmen hat zudem gerichtlich beantragt, viele der zugrunde liegenden Dokumente unter Verschluss zu halten, mit der Begründung, die Kläger versuchten, ein übermäßig breites Spektrum an Materialien freizugeben. Die Kläger halten dagegen, dass diese Dokumente zentral für ihre Vorwürfe seien, wonach die Plattformen bekannte Risiken verheimlicht hätten.
Einordnung in einen größeren Kontext
Diese neuen Einreichungen erfolgen vor dem Hintergrund einer öffentlichen Debatte, die bereits mehrere Jahre zurückreicht. Im Jahr 2021 lösten interne Präsentationen und Forschungsarbeiten des Unternehmens eine breite Diskussion darüber aus, ob Instagram und andere soziale Dienste zu Körperbild-Ängsten und anderen Schäden bei Teenagern beitragen. Das Unternehmen bestritt daraufhin öffentlich einige Medieninterpretationen dieser Materialien, veröffentlichte gleichzeitig kommentierte Präsentationsfolien und kündigte Produktänderungen für junge Nutzer an. Die neuen Gerichtspapiere verstärken diese frühere Debatte, indem sie behaupten, das Unternehmen habe Erkenntnisse, die ihm nicht gefielen, teilweise unterdrückt oder beiseitegeschoben.
Warum eine siebentägige Deaktivierungsstudie wissenschaftlich – und rechtlich – von Bedeutung ist
Ein kurzes Deaktivierungsexperiment ist ein relativ direkter Weg, um Kausalität zu untersuchen: Wenn eine Stichprobe von Nutzern die Verwendung eines Dienstes einstellt und sich ihre Wohlbefindenswerte im Vergleich zu einer Kontrollgruppe verbessern, können Forscher auf einen gewissen kausalen Effekt der Nutzung auf die berichteten Ergebnisse schließen. Die Aussagekraft eines solchen Rückschlusses hängt davon ab, wie die Teilnehmer ausgewählt wurden, ob die Kontrollgruppe vergleichbar war und ob der Akt der Deaktivierung andere Veränderungen einführte (zum Beispiel mehr Schlaf oder eine geringere Exposition gegenüber bestimmten Inhalten), die den Effekt erklären könnten. Die Kläger argumentieren, dass diese Aspekte intern abgewogen wurden und die Ergebnisse dennoch aussagekräftig waren; Meta behauptet, die Methoden seien fehlerhaft gewesen. Der Streit über die Methodik verdeutlicht, warum wissenschaftliche Details vor Gericht wichtig sind und warum die interne Forschung von Unternehmen rechtliche Konsequenzen haben kann.
Breitere rechtliche und politische Konsequenzen
Die Einreichung ist Teil einer größeren Welle von Rechtsstreitigkeiten und Regulierungen, die sich gegen die Verantwortung sozialer Plattformen gegenüber Minderjährigen richten. Schulbezirke begründen ihre Klagen mit den Schäden, die Plattformen ihrer Meinung nach Schülern in Klassenzimmern und Schulgemeinschaften zufügen, sowie mit den Kosten, die Schulen tragen müssen, wenn Schüler psychische Krisen erleiden oder Online-Predators ausgesetzt sind. Sollten die Gerichte der Ansicht der Kläger folgen, dass Unternehmen interne Erkenntnisse vorsätzlich verheimlicht haben, könnte dies die Standards für die Beweiserhebung (Discovery) verändern und den regulatorischen Druck auf Content-Algorithmen, Altersverifizierung und die Offenlegung interner Sicherheitsforschung erhöhen.
Was als Nächstes zu erwarten ist
- Anträge vor dem Hauptverfahren zur Versiegelung und Beweiserhebung: Die Kläger drängen darauf, interne Dokumente öffentlich zu machen; Meta bekämpft diese Anträge und fordert Schutz für sensible Materialien.
- Beweise für Kompromisse auf Produktebene: Der Fall hängt davon ab, ob interne Diskussionen zeigen, dass Führungskräfte Sicherheitsrisiken zugunsten von Wachstum in Kauf genommen haben.
- Regulatorische Folgen: Gesetzgeber und Kartellbehörden beobachten diese Entwicklungen bereits genau; zusätzliche entsiegelte Materialien könnten neue legislative Maßnahmen oder Durchsetzungsmaßnahmen katalysieren.
Bedeutung für Forschungsnormen
Der Vorfall verdeutlicht die Spannungen zwischen der Forschungskultur in Unternehmen und der unabhängigen Wissenschaft. Unternehmen führen routinemäßig Experimente durch, um Produkte zu gestalten, aber wenn diese Experimente die öffentliche Gesundheit berühren – insbesondere die psychische Gesundheit junger Menschen –, wachsen die Erwartungen an die Transparenz. Unabhängige Forscher und Interessenvertreter argumentieren, dass Erkenntnisse aus privaten Experimenten, die Risiken auf Bevölkerungsebene aufzeigen, einer unabhängigen Prüfung unterzogen werden sollten; Unternehmen halten dagegen, dass rohe interne Arbeiten missverstanden werden können und der Kontext entscheidend ist. Die Gerichte werden nun aufgefordert sein, diese konkurrierenden Ansprüche im Rahmen des Beweisverfahrens abzuwägen.
Nächster Verfahrenstermin
Das Bezirksgericht hat für den 26. Januar 2026 eine Anhörung zu Streitigkeiten über die Beweiserhebung und Versiegelung angesetzt, die darüber entscheiden könnte, wie viel der umstrittenen internen Aufzeichnungen während des Rechtsstreits öffentlich wird.
Für Journalisten und politische Entscheidungsträger geht es bei der aktuellen Entwicklung weniger um eine einzelne Präsentation oder ein einzelnes Experiment, sondern vielmehr darum, ob große Plattformen verpflichtet werden, Sicherheitsforschung als eine Ressource von öffentlichem Interesse zu behandeln, wenn sie das Wohlergehen von Kindern betrifft. Die kommenden Wochen mit Anträgen und Anhörungen werden darüber entscheiden, wie viel von diesen Beweisen die Öffentlichkeit – und die Gerichte – sehen können und wie die Verantwortung für Designentscheidungen, die junge Nutzer betreffen, künftig eingefordert wird.
Mattias Risberg ist Reporter für Wissenschaft und Technologie bei Dark Matter mit Sitz in Köln. Er schreibt über Halbleiter, Weltraumpolitik und datengestützte Untersuchungen zu Technologieunternehmen.
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