Auf Meereshöhe erzeugt das Triebwerk RD-171MV einen Schub von über 800 Tonnen. Russische Ingenieure bezeichnen es routinemäßig als das leistungsstärkste Flüssigkeitstriebwerk der Welt. Doch die schiere rohe Gewalt der Hardware überdeckt eine weitaus diffizilere Realität: Roskosmos musste es bauen, weil seine internationalen Lieferketten zusammengebrochen sind.
Über Jahrzehnte verließ sich das russische Raumfahrtprogramm auf die Zenit-Raketenfamilie, die stark von Komponenten aus dem Ausland abhängig war. Die geopolitische Isolation hat diese Verbindungen vollständig gekappt. Nun, mit dem geplanten Erstflug aus Kasachstan am 30. April 2026, repräsentiert die Sojus-5 Moskaus Versuch, sich aus einer Beschaffungskrise herauszuentwickeln. Es ist eine Trägerrakete für 17 Tonnen Nutzlast, die aus absoluter Notwendigkeit geboren wurde.
Eine monolithische Lösung für eine Beschaffungskrise
Während die Europäische Weltraumorganisation weiterhin sorgfältig die multinationalen Versorgungsnetzwerke der Ariane 6 über die Mitgliedsstaaten hinweg ausbalanciert, wurde Russlands Industriestrategie zur strikten Autarkie gezwungen. Die Sojus-5, intern als Irtysch bekannt, verzichtet auf die komplexe „Tulpen“-Konfiguration mit vier Boostern der alten Sojus-2. Stattdessen entschieden sich die Ingenieure für ein stromlinienförmiges, monolithisches zylindrisches Design.
Um eine vollständig inländische Fertigung zu erreichen, setzt der Herstellungsprozess auf Rührreibschweißen, um ein Gehäuse ohne importierte Legierungen zu konstruieren. Die Architektur wird mit einer Mischung aus flüssigem Sauerstoff und Kerosin (RG-1) betrieben, die langfristig die alternde Proton-M-Flotte und deren hochgiftige hypergole Treibstoffe ersetzen soll. Mit einer Nutzlastkapazität von 17 Tonnen in den niedrigen Erdorbit (LEO) reiht sich das Fahrzeug nahtlos zwischen der klassischen Sojus-2 und der massiven Angara-A5 ein.
Der Baiterek-Kompromiss
Während die Fertigung rein russisch ist, bleibt das Gelände für den Start ein grenzüberschreitender Kompromiss. Die Sojus-5 wird im Rahmen des Projekts Baiterek, einem Gemeinschaftsunternehmen zwischen Russland und Kasachstan, vom Kosmodrom Baikonur abheben. Die Initiative ist explizit darauf ausgelegt, die verlassenen Zenit-Startrampen für die neue Hardware umzurüsten.
Dies ist ein äußerst pragmatischer Schritt. Indem die Infrastruktur für mittlere bis schwere Lasten in Baikonur belassen wird, anstatt den Betrieb vollständig auf das neuere Kosmodrom Wostotschny im Fernen Osten Russlands zu verlagern, spart Roskosmos Kapital, das dringend für die Entwicklung von Raumfahrzeugen benötigt wird. Das stromlinienförmige Single-Core-Design vereinfacht zudem die Bodenabläufe und könnte die Startfrequenz erhöhen, sollte die kommerzielle Nachfrage jemals zurückkehren.
Warten auf Orel
Wenn das Flugprofil für 2026 erfolgreich ist, soll die Sojus-5 zum primären Trägerfahrzeug für Orel (PTK NP) werden, Russlands bemannter Kapsel der nächsten Generation. Strategische Fahrpläne schlagen sogar vor, mehrere Sojus-5-Erststufen in einer modularen Konfiguration zusammenzufügen, um eine Schwerlastrakete für die Mondforschung zu schaffen.
Doch diese Ambitionen bleiben vorerst auf dem Papier. Der unmittelbare Fokus liegt darauf, den Erstflug im April 2026 zu überstehen, der eine Reihe von Qualifikationsstarts bis spät in das Jahrzehnt auslösen wird. Moskau hat eindeutig den Schub. Jetzt muss es nur noch beweisen, dass es die entsprechende Lieferkette aufrechterhalten kann.
Quellen
- Roskosmos
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