Drohnen-Reaktionszeit von 20 Sekunden bei aktiven Schützen

Technologie
20‑Second Drone Response to Active Shooters
DefendEye und EAGL Technology haben ein cloudbasiertes System angekündigt, das Schüsse erkennt und eine rohrgestartete Drohne aktiviert, die in unter 20 Sekunden beim Schützen eintrifft und Live-Videos an Ersthelfer überträgt. Die Partnerschaft verspricht eine schnellere Lageerfassung, wirft jedoch regulatorische, cybersicherheitsrelevante und bürgerrechtliche Fragen auf.

Sofortiger Start, Live-Bilder – noch vor dem 911-Notruf

Am 10. Dezember 2025 gaben zwei Unternehmen von entgegengesetzten Seiten des Globus bekannt, dass sie ein System zusammengeführt haben, das auf dem Papier einen Schuss erkennt und in weniger als 20 Sekunden eine mit Kameras ausgestattete Drohne über dem Schützen positioniert. Die gemeinsam von DefendEye (Krakau) und EAGL Technology (Albuquerque) herausgegebene Ankündigung beschreibt eine Cloud-zu-Cloud-Integration zwischen EAGLs DragonFly-Schusssensor und der AEROS-Plattform sowie DefendEyes autonomer Drohne mit Sofortstart aus einem Startrohr. Die Firmen geben an, dass der Sensor eine Bedrohung validiert, ein Startrohr auslöst, das eine Drohne in weniger als 10 Sekunden abfeuert, und Live-Videos an Leitstellen und taktische Einheiten überträgt – oft noch bevor ein einziger 911-Notruf abgesetzt wird.

Wie die Systemkomponenten ineinandergreifen

Die Unternehmen beschreiben drei miteinander verknüpfte Phasen. Zuerst führt der DragonFly-Sensor eine Energieerfassung und Wellenformanalyse durch, um impulsartige Geräusche zu erkennen, die mit Schüssen übereinstimmen, und um Geokoordinaten zu erstellen. Die AEROS-Software von EAGL filtert dann Fehlalarme und validiert das Ereignis. Sobald ein Schuss validiert ist, sendet die AEROS-Cloud schließlich Koordinaten an ein Startrohr von DefendEye: Das Unternehmen behauptet, dass die Drohne innerhalb von 10 Sekunden in der Luft sein kann und in weniger als 20 Sekunden nach der Erkennung über dem Schützen eintrifft.

Technisch stützt sich dies auf mehrere Komponenten, die im Zusammenspiel arbeiten. Die DragonFly-Einheit ist ein kompakter, solar- oder batteriebetriebener Sensor in einer Resonanzkammer, der laut EAGL eine sphärische Abdeckung von bis zu etwa 18 Acres pro Sensor bietet. Die Drohne von DefendEye ist wiederverwendbar, KI-gestützt und für den schnellen, pilotenlosen Einsatz aus einem versiegelten Rohr konzipiert; die angekündigte Konfiguration verfügt über Tag-/Nachtkameras mit Infrarotbeleuchtung, eine versprochene Flugdauer von 30 Minuten und eine 5G-SIM-Karte in jedem Rohr für Live-Streaming und Fernsteuerung. Die Unternehmen betonen, dass die Lösung an Standard-Lichtmasten, Wänden, Ecken oder auf mobilen Kommandoeinheiten installiert werden kann.

Beide CEOs bezeichneten das System als einen Fortschritt im Konzept der „Drohne als Ersthelfer“. Boaz Raz, CEO von EAGL, sagte, die Kombination erlaube es Organisationen, „Bedrohungen in Echtzeit zu erkennen, darauf zu reagieren und diese an die Straffolgungsbehörden zu kommunizieren, um die Bedrohung zu stoppen und Leben zu retten“. James Buchheim, CEO von DefendEye, erklärte, dass die Cloud-Brücke die vollständige Fernsteuerung von Drohnen ermögliche, die „in Sekunden, nicht in Minuten“ zum Einsatz kommen, wobei die bordeigene KI Menschen im Videostream identifiziert.

Wo Leistungsversprechen zählen – und wo nicht

Die Schlagzeile – „unter 20 Sekunden“ – ist überzeugend, da sie im Vergleich zu herkömmlichen Notfallreaktionszeiten steht, die in Minuten gemessen werden. Eine Drohne, die innerhalb von zehn Sekunden über dem Geschehen positioniert ist, könnte den Beamten auf dem Weg zum Einsatzort sofortiges Lagebewusstsein verschaffen, kritische Beweise aufzeichnen und Kommandanten helfen, Taktiken festzulegen, während noch Verletzungen auftreten.

Der Zeitplan hängt jedoch von einer Kette von Fähigkeiten ab, die alle reale Grenzen haben. Die Schusslokalisierung in städtischen Umgebungen ist technisch anspruchsvoll: Impulsartige Geräusche prallen an Gebäuden ab, werden teilweise von Vegetation und Fahrzeugen absorbiert und können Echos erzeugen, die Algorithmen zur Laufzeitdifferenz (Time Difference of Arrival, TDOA) und zum Wellenform-Abgleich erschweren. Die angekündigte Abdeckung von 18 Acres pro Sensor impliziert, dass Sensoren in Problembereichen in der Regel dicht platziert werden müssen; in der Praxis wird jedoch ein vernetztes Array oder mehrere Sensoren für eine robuste Triangulation und zur Reduzierung von Fehlalarmen erforderlich sein.

Ebenso hängt die Ankunftszeit davon ab, wo eine Drohne gelagert wird und welche lokalen Flugbeschränkungen gelten. Eine Drohne in einem nahe gelegenen Startrohr mag einen Ort sehr schnell erreichen, aber wenn der nächste Startpunkt hunderte Meter entfernt ist oder der Luftraum eingeschränkt ist (zum Beispiel in der Nähe von Flughäfen oder in manchen Stadtzentren), werden sich die Reaktionszeiten verlängern. Die Unternehmen verweisen auf ihre BVLOS-Fähigkeit (Fliegen außerhalb der Sichtweite) und erinnern die Leser daran, dass BVLOS-Operationen den lokalen Luftfahrtvorschriften und Genehmigungen unterliegen – ein wichtiger Vorbehalt für jeden Kunden, der einen Live-Einsatz in Erwägung zieht.

Privatsphäre, Sicherheit und rechtliche Abwägungen

Diese Art des schnellen, automatisierten Einsatzes wirft schwierige soziale und rechtliche Fragen auf. Das System liefert absichtlich Videoaufnahmen von einem Ort und von Personen, bevor ein Notruf abgesetzt wurde oder bevor Beamte eintreffen. Dies wirft offensichtliche Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes auf: Wer speichert das Material, wie lange, wer hat darauf Zugriff und unter welchem rechtlichen Standard? Die Anbieter beschreiben die Steuerung über Kommandozentralen und die Weitergabe an taktische Einheiten, veröffentlichten jedoch keine Aufbewahrungsrichtlinien oder Zugriffskontrollen.

Es gibt auch Sicherheitsfragen. Eine bordeigene KI, die „Menschen identifiziert“, kann die Bediener unterstützen, ist aber nicht unfehlbar. Fehlklassifizierungen – etwa das Verwechseln einer Spiegelung oder einer Gruppe von Schaufensterpuppen mit Personen oder das Nicht-Erkennen einer Person in Deckung – könnten Entscheidungen der Strafverfolgungsbehörden beeinflussen. Die Möglichkeit von Fehlalarmen durch den Schussdetektor ist signifikant: Während EAGL behauptet, dass AEROS Fehlalarme durch Wellenformanalyse eliminiert, ist eine unabhängige Bewertung in komplexen Umgebungen erforderlich. Schließlich muss jedes Live-System, das Sensor, Cloud und Luftfahrzeug verbindet, Missbrauch in Betracht ziehen: Spoofing- oder Denial-of-Service-Angriffe könnten Fehlalarme auslösen, oder Gegner könnten versuchen, die Kommunikation oder die für Streaming und Steuerung genutzte 5G-Verbindung zu stören.

Cybersicherheit und operative Resilienz

Da die angekündigte Architektur explizit Cloud-verbunden und für die Fernsteuerung konzipiert ist, ist Cybersicherheit ein integraler Bestandteil der Sicherheit. Die 5G-Verbindung des Startrohrs und die Cloud-Brücke zwischen den Kommandozentralen von AEROS und DefendEye sind für die Bediener praktisch – dennoch schaffen sie potenzielle Angriffsflächen. Ein gehärteter, Ende-zu-Ende-verschlüsselter Telemetrie- und Nutzlaststrom, eine starke Geräte-Attestierung, regelmäßige Firmware-Audits und robuste Sicherheitsvorkehrungen in der Lieferkette werden bei jedem ernsthaften Einsatz im Bereich der öffentlichen Sicherheit notwendig sein. Die Unternehmen haben diese defensiven Details in der Pressemitteilung nicht veröffentlicht.

Zur operativen Resilienz gehören auch elektromagnetische Bedrohungen. In Konfliktsituationen oder kriminellen Umgebungen könnte ein Gegner versuchen, GPS, 5G oder andere Kommunikationsmittel zu stören. Die Branche bewegt sich hin zu resilienteren Techniken – visuelle Navigation, Onboard-Autonomie und Trägheitsnavigation –, um die Abhängigkeit von einzelnen Verbindungen zu verringern. Im weiteren Drohnen-Ökosystem sind bereits ähnliche Fortschritte zu beobachten: Andere Entwickler integrieren visuelle Navigation und Edge-KI, um unter beeinträchtigten Funkbedingungen oder ohne GPS zu operieren.

Einordnung in die breitere Drohnenlandschaft

Die Ankündigung von DefendEye und EAGL erfolgt in einem Markt, in dem Kommunen, Schulen und Sicherheitsteams mit unbemannten Systemen für Überwachung, Perimeterkontrolle und Inspektion kritischer Infrastrukturen experimentieren. Kleinere Nano- und rohrgestartete Drohnen – von denen einige für die geräuschlose, verdeckte Aufklärung gebaut wurden – nehmen zu, während sich verteidigungsorientierte Firmen auf Autonomie und GPS-resiliente Navigation für umkämpfte Umgebungen konzentrieren. Zusammen deuten diese Entwicklungen auf eine nahe Zukunft hin, in der Luftressourcen auf Abruf leichter einzusetzen sind – sie unterstreichen aber auch, dass die Technologie die Regulierung und die öffentliche Debatte überholt.

Nächste Schritte und worauf zu achten ist

Die Unternehmen präsentieren die Partnerschaft als fertiges Produktpaket, aber der tatsächliche operative Rollout wird von Feldversuchen, lokalen Genehmigungen für BVLOS-Flüge, der unabhängigen Validierung der Schusserkennungs- und Klassifizierungsraten sowie Beschaffungsentscheidungen der öffentlichen Hand abhängen. Die gesellschaftliche Akzeptanz wird von transparenten Richtlinien zur Datenspeicherung, zum Datenaustausch, zu Audit-Protokollen und den rechtlichen Standards für den Einsatz von Drohnen abhängen – insbesondere an sensiblen Orten wie Schulen, Krankenhäusern oder Privatwohnungen.

Vorerst ist die Ankündigung ein technischer Meilenstein in einem Narrativ der schnellen Reaktion: Sensornetzwerke, Cloud-Orchestrierung und Hardware für den Sofortstart wurden kombiniert, um die Zeit zwischen einem Angriff und einem Videostream aus der Luft zu verkürzen. Ob das Modell zu einem Standardwerkzeug für Polizei und Ersthelfer wird, wird ebenso von strengen Tests, rechtlichen Rahmenbedingungen und robusten Cyber- und Datenschutzvorkehrungen abhängen wie von den Sekunden, die bei der Reaktionszeit eingespart werden.

Quellen

  • DefendEye P.S.A. Pressemitteilung (10. Dez. 2025) – Partnerschaftsankündigung mit EAGL Technology
  • EAGL Technology – Technische Materialien zur AEROS-Plattform und zum DragonFly-Schusssensor
Mattias Risberg

Mattias Risberg

Cologne-based science & technology reporter tracking semiconductors, space policy and data-driven investigations.

University of Cologne (Universität zu Köln) • Cologne, Germany

Readers

Leserfragen beantwortet

Q Wie erreicht das System eine Reaktionszeit von unter 20 Sekunden von der Erkennung bis zum Eintreffen der Drohne?
A Es basiert auf einer dreistufigen Sequenz. Erstens erkennt der DragonFly-Sensor impulsive Geräusche und lokalisiert den Schuss geografisch. Zweitens filtert die AEROS-Software von EAGL Fehlalarme und validiert das Ereignis. Drittens sendet die Cloud Koordinaten an das Startrohr von DefendEye; die Drohne hebt in weniger als 10 Sekunden ab und trifft innerhalb von 20 Sekunden über dem Schützen ein, wobei jeder Sensor eine Fläche von etwa 18 Acres abdeckt.
Q Welche Datenschutzbedenken gehen mit schnellen automatisierten Drohneneinsätzen einher?
A Die Datenschutzbedenken drehen sich um die schnelle, automatisierte Videoaufzeichnung von Orten und Personen, noch bevor ein Notruf eingeht oder Beamte eintreffen. Die Anbieter verweisen auf die Weitergabe an Einsatzzentralen und taktische Einheiten, haben jedoch keine Aufbewahrungsrichtlinien oder Zugriffskontrollen veröffentlicht. Das System wirft Fragen dazu auf, wer das Bildmaterial speichert, für wie lange, wer darauf zugreifen kann und unter welchen rechtlichen Standards dies geschieht.
Q Welche Überlegungen zu Cybersicherheit und Resilienz ergeben sich aus dem cloudbasierten Design?
A Da das System cloudbasiert und fernsteuerbar ist, ist Cybersicherheit ein integraler Bestandteil der Sicherheit. Die 5G-Verbindung und die Cloud-Bridge stellen potenzielle Angriffsflächen dar, weshalb ein gehärteter, Ende-zu-Ende verschlüsselter Telemetrie- und Nutzlaststrom, eine robuste Geräte-Attestierung, Firmware-Audits und Sicherheitsvorkehrungen in der Lieferkette erforderlich sind. Die Veröffentlichung enthält keine publizierten Details zu diesen Schutzmaßnahmen, was auf bestehende Risiken hindeutet.
Q Welche Einschränkungen bei der Bereitstellung begrenzen die Leistung des Systems in realen Umgebungen?
A Die Leistung hängt von der Nähe zu den Startpunkten und den Luftraumregeln ab. Selbst bei einem schnellen Rohrstart ist ein nahegelegener Ausgangspunkt entscheidend; wenn das Startrohr weit entfernt ist oder der Luftraum eingeschränkt ist (z. B. in der Nähe von Flughäfen oder in dichten Stadtzentren), verlängern sich die Reaktionszeiten. Der Plan setzt zudem eine dichte Sensorenabdeckung, BVLOS-Genehmigungen und die Einhaltung regulatorischer Vorschriften für den Live-Einsatz voraus.

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