Deuteron-EDM-Grenzwerte untersuchen Materie-Antimaterie-Asymmetrie

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Glowing proton and neutron pair suspended in a high-tech particle accelerator tunnel, illustrating subatomic physics.
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Wissenschaftler haben einen bedeutenden Meilenstein bei der Erforschung der Frage erreicht, warum unser Universum primär aus Materie und nicht aus Antimaterie besteht. Durch die Messung der winzigen ‚Neigung‘ des Spins von Deuteronen in einem Speicherring konnten Forscher den weltweit ersten experimentellen Grenzwert für deren elektrisches Dipolmoment festlegen – eine Eigenschaft, die Physik jenseits des Standardmodells offenbaren könnte.

Wissenschaftler haben einen bedeutenden Meilenstein bei der Suche nach der Ursache erreicht, warum unser Universum primär aus Materie und nicht aus Antimaterie besteht. Durch die Messung der infinitesimalen „Neigung“ des Spins von Deuteron-Teilchen in einem Speicherring haben Forscher, darunter A. Andres, A. Aggarwal und L. Barion, den ersten experimentellen Grenzwert für dessen elektrisches Dipolmoment (EDM) etabliert. Diese Entdeckung, die in einer neuen am COoler SYnchrotron (COSY) durchgeführten Studie detailliert beschrieben wird, liefert eine entscheidende Sonde für Physik jenseits des Standardmodells und befasst sich mit der fundamentalen Materie-Antimaterie-Asymmetrie, die die Existenz unseres Universums ermöglicht.

Das Rätsel der Existenz: Die Materie-Antimaterie-Asymmetrie

Die Materie-Antimaterie-Asymmetrie bezieht sich auf das beobachtete Ungleichgewicht zwischen baryonischer Materie und antibaryonischer Materie im beobachtbaren Universum. Gemäß der Urknall-Theorie hätte das Universum gleiche Mengen an Materie und Antimaterie erzeugen müssen, die sich schließlich gegenseitig vernichtet hätten, wobei nur Strahlung zurückgeblieben wäre. Die Anwesenheit von Galaxien, Sternen und Leben bestätigt jedoch, dass ein kleiner Überschuss an Materie diesen kataklysmischen Prozess überlebt hat.

Um diese Diskrepanz zu erklären, suchen Physiker nach der Ladungs-Paritäts-Verletzung (CP-Verletzung), einem Phänomen, bei dem sich die physikalischen Gesetze ändern, wenn ein Teilchen mit seinem Antiteilchen vertauscht und seine räumlichen Koordinaten gespiegelt werden. Obwohl das Standardmodell der Teilchenphysik eine gewisse CP-Verletzung beinhaltet, reicht diese nicht aus, um die massive Materie-Antimaterie-Asymmetrie zu erklären, die wir heute sehen. Diese Lücke deutet auf die Existenz unentdeckter physikalischer Prozesse oder Teilchen hin, die auf eine Weise interagieren, die von der modernen Wissenschaft noch nicht erfasst wurde.

Wie hängt das Deuteron-EDM mit der CP-Verletzung zusammen?

Das elektrische Dipolmoment (EDM) des Deuterons resultiert aus CP-verletzenden Operatoren in Teilchenwechselwirkungen, da ein von Null verschiedenes EDM sowohl die Parität (P) als auch die Zeitumkehrsymmetrie (T) verletzt. Nach dem fundamentalen Theorem der CPT-Erhaltung muss eine Verletzung der Zeitumkehrsymmetrie mit einer Verletzung der CP-Symmetrie einhergehen. Diese tiefe Verbindung macht das Deuteron-EDM zu einer einzigartig empfindlichen Sonde für den Nachweis neuer Quellen der CP-Verletzung, welche die Materie-Antimaterie-Asymmetrie erklären könnten.

In einem Elementarteilchen stellt ein EDM eine permanente Trennung von positiver und negativer Ladung entlang seiner Spinachse dar. Falls das Deuteron — ein einfacher Atomkern, der aus einem Proton und einem Neutron besteht — ein EDM ungleich Null besitzt, würde dies darauf hindeuten, dass seine interne Ladungsverteilung leicht „asymmetrisch“ ist. Da das Standardmodell ein so kleines EDM vorhersagt, dass es fast unmöglich zu messen ist, wäre jeder Nachweis eines größeren EDM ein „eindeutiger Beleg“ für neue Physik jenseits unseres aktuellen Verständnisses.

Welche Bedeutung hat der Grenzwert |d^d| < 2,5 × 10⁻¹⁷ e·cm?

Der Grenzwert |d^d| < 2,5 × 10⁻¹⁷ e·cm stellt die erste experimentelle Obergrenze für das Deuteron-EDM dar und liefert eine neue Einschränkung für Physik jenseits des Standardmodells. Diese Messung ist ein entscheidender Machbarkeitsnachweis, der demonstriert, dass magnetische Speicherringe für die Suche nach subatomaren Asymmetrien genutzt werden können. Obwohl es sich bei dem Wert eher um eine Obergrenze als um die Entdeckung eines Moments ungleich Null handelt, grenzt er den Suchraum für theoretische Modelle ein, die versuchen, die Materie-Antimaterie-Asymmetrie zu lösen.

Durch die Etablierung dieser Grenze hat das Forschungsteam einen Basiswert für alle zukünftigen Präzisionsmessungen gesetzt. Das experimentelle Ergebnis wurde mit einem Konfidenzniveau von 95 % erreicht, was bedeutet, dass eine hohe statistische Sicherheit besteht, dass das EDM des Deuterons nicht größer als dieser unglaublich winzige Wert ist. Diese Leistung ist besonders beeindruckend, da sie in einem „konventionellen“ Speicherring durchgeführt wurde und den Weg für noch empfindlichere Experimente in Anlagen ebnet, die speziell für die EDM-Suche konzipiert sind.

Wofür wird das COSY-Synchrotron in EDM-Experimenten eingesetzt?

Das COSY-Synchrotron wird in Deuteron-EDM-Experimenten eingesetzt, um Strahlen polarisierter Deuteronen in einem Ring zu speichern, in dem ein elektrisches Feld eine Spinpräzession induziert, falls ein EDM vorhanden ist. Durch die sorgfältige Kontrolle der magnetischen und elektrischen Umgebungen der Teilchen können Forscher eine winzige „Neigung“ der invarianten Spinachse relativ zur Ringebene nachweisen. Diese Hochpräzisionsumgebung ermöglicht es, das EDM-Signal vom viel größeren Hintergrundrauschen des magnetischen Moments des Teilchens zu isolieren.

Das in Jülich, Deutschland, ansässige COoler SYnchrotron (COSY) ist ein spezialisierter Teilchenbeschleuniger, der „Strahlkühlung“ nutzt, um über lange Zeiträume eine hohe Strahlqualität aufrechtzuerhalten. In diesem Experiment wurde die Anlage mit mehreren hochentwickelten Komponenten ausgestattet, um die komplexe Dynamik des Deuteronenstrahls zu steuern:

  • Radiofrequenz-Wien-Filter: Ein Gerät, das orthogonale elektrische und magnetische Felder anlegt, um den Teilchenspin zu manipulieren, ohne die Flugbahn des Strahls zu verändern.
  • Supraleitende Sibirische Schlange (Siberian Snake): Eine Serie von Magneten, die den Spin der Teilchen dreht, um die Polarisation aufrechtzuerhalten und systematische Fehler zu mildern.
  • Elektronenkühlungs-Solenoid: Wird verwendet, um den Strahl zu fokussieren und zu stabilisieren, damit die Teilchen für die Messung auf einer engen, vorhersehbaren Bahn bleiben.

Die Methodik: Präzisionsmessung in Bewegung

Die Messung des EDM eines geladenen Teilchens erfordert die Identifizierung einer winzigen Neigung der invarianten Spinachse in Bezug auf die Ringebene. In einer perfekt symmetrischen Welt würde der Spin eines Teilchens, das in einem magnetischen Ring zirkuliert, auf das Magnetfeld ausgerichtet bleiben. Ein EDM würde jedoch mit den effektiven elektrischen Feldern im Ruhesystem des Teilchens interagieren und dazu führen, dass der Spin langsam aus der horizontalen Ebene des Beschleunigers kippt.

Das Forschungsteam, einschließlich A. Andres und Kollegen, verbrachte Jahre damit, die Techniken zu verfeinern, um diese winzige EDM-induzierte Neigung von Neigungen zu unterscheiden, die durch mechanische Fehlstellungen der Magnete verursacht werden. Die Herausforderung ist immens: Die beobachteten Neigungen lagen im Bereich von wenigen Milliradiant, und die Forscher mussten beweisen, dass diese von systematischen Effekten dominiert wurden und nicht von einer fundamentalen Eigenschaft des Deuterons selbst. Durch die Berücksichtigung dieser Fehler konnten sie den maximal möglichen Wert berechnen, den das EDM annehmen könnte, ohne gesehen zu werden.

Jenseits des Standardmodells: Was passiert als Nächstes?

Das Standardmodell sagt für das Deuteron-EDM einen Wert von etwa 10⁻³¹ e·cm voraus, was um viele Größenordnungen kleiner ist als der aktuelle experimentelle Grenzwert. Diese massive Diskrepanz markiert das „Entdeckungsfenster“ — den Bereich, in dem neue Physik, wie die Supersymmetrie oder andere Theorien jenseits des Standardmodells, angesiedelt sein könnten. Falls zukünftige Experimente ein EDM nachweisen, bevor sie die Untergrenze des Standardmodells erreichen, wäre dies ein direkter Beweis für die Kräfte, welche die Materie-Antimaterie-Asymmetrie verursacht haben.

Mit Blick in die Zukunft bietet der Erfolg bei COSY die technische Grundlage für den Bau eines dedizierten EDM-Speicherrings. Eine solche Anlage würde „rein elektrische“ oder „hybride“ Ablenkfelder nutzen, um Empfindlichkeiten zu erreichen, die tausendfach über dem aktuellen Grenzwert liegen. Forscher glauben, dass sie durch das Erreichen einer Empfindlichkeit von 10⁻²⁹ e·cm endlich die Quelle der CP-Verletzung aufdecken könnten, die es dem Universum ermöglichte, sich von einer Suppe aus Strahlung zu einem mit Materie gefüllten Kosmos zu entwickeln.

Fazit: Eine Grundlage für Entdeckungen

Die experimentelle Bestimmung des Deuteron-EDM-Grenzwerts markiert einen Übergang von theoretischen Spekulationen zu präzisen experimentellen Tests. Obwohl der aktuelle Grenzwert von 2,5 × 10⁻¹⁷ e·cm noch keine „neue Physik“ offenbart, beweist er, dass die Speicherring-Methode ein praktikables und leistungsstarkes Werkzeug für die Kernphysik ist. Die Zusammenarbeit zwischen internationalen Institutionen und die bei der COSY-Anlage gezeigte technische Meisterschaft haben die Menschheit dem Verständnis ihrer eigenen Ursprünge einen Schritt näher gebracht.

Zukünftige Studien werden sich darauf konzentrieren, systematische Unsicherheiten weiter zu reduzieren und die EDMs anderer Teilchen wie Protonen und Helium-3-Kerne zu untersuchen. Während sich die globale Forschung zur Materie-Antimaterie-Asymmetrie intensiviert, werden die aus dieser Deuteron-Studie gewonnenen Erkenntnisse als Fahrplan für die nächste Generation von Teilchenjägern dienen, die das größte Rätsel des Urknalls lösen wollen.

Mattias Risberg

Mattias Risberg

Cologne-based science & technology reporter tracking semiconductors, space policy and data-driven investigations.

University of Cologne (Universität zu Köln) • Cologne, Germany

Readers

Leserfragen beantwortet

Q Wie hängt das Deuteron-EDM mit der CP-Verletzung zusammen?
A Das elektrische Dipolmoment (EDM) des Deuterons entsteht aus CP-verletzenden Operatoren in Teilchenwechselwirkungen, da ein EDM ungleich Null sowohl die Paritäts- (P) als auch die Zeitumkehrsymmetrie (T) verletzt, was unter der Annahme der CPT-Invarianz eine CP-Verletzung impliziert. Diese Verbindung macht das Deuteron-EDM zu einer empfindlichen Sonde für neue Quellen der CP-Verletzung jenseits des Standardmodells und ergänzt Messungen wie die von Neutronen- oder Protonen-EDMs.
Q Welche Bedeutung hat die Grenze |d^d| < 2,5 × 10^{-17} e·cm?
A Die Grenze |d^d| < 2,5 × 10^{-17} e·cm stellt die erste experimentelle Obergrenze für das Deuteron-EDM dar, die von Physikern mithilfe von Speicherring-Techniken festgelegt wurde. Sie bietet eine strenge Einschränkung für CP-verletzende Physik jenseits des Standardmodells, das ansonsten zu kleine EDMs für einen Nachweis vorhersagt, und hilft bei der Untersuchung der Materie-Antimaterie-Asymmetrie, indem sie bestimmte Modelle der neuen Physik ausschließt.
Q Wofür wird das COSY-Synchrotron in EDM-Experimenten verwendet?
A Das COSY-Synchrotron wird in Deuteron-EDM-Experimenten verwendet, um Strahlen polarisierter Deuteronen in einem Ring zu speichern, in dem ein elektrisches Feld eine Spinpräzession induziert, falls ein EDM vorhanden ist. Dieser Aufbau erkennt jede Neigung der invarianten Spinachse relativ zur Ringebene und ermöglicht so eine präzise Messung des EDM mit reduzierten systematischen Unsicherheiten.

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